Sprache ist Macht, schafft Wirklichkeit und kann Gewalt auslösen - die Linguistin Prof. Dr. Heidrun Kämper informiert

Veröffentlicht am 04.03.2019 in Veranstaltungen

Großes Interesse an der Veranstaltung. Bild: Vanessa Bausch

LAUDENBACH. Das Thema treibt offensichtlich viele Menschen um. Jedenfalls war der Saal des Georg-Bickel-Hauses der Arbeiterwohlfahrt gänzlich besetzt, als der Sprecher der SPD-Arbeitsgemeinschaft 60 plus, Herbert Bangert,die Referentin, Prof. Dr. Heidrun Kämper sehr herzlich begrüßte und sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts für Deutsche Sprache und außerplanmäßige Professorin an der Universität Mannheim sowie Mannheimer Stadträtin vorstellte.

Leider musste er den Corefenten Dr. Stefan Fulst-Blei entschuldigen, der sehr kurzfristig einen Landtagskollegen bei einer Abgeordnetenreise vertreten musste, seine Präsentation aber noch überlassen konnte, so dass Kämper einige Aspekte mit einfließen lassen konnte. Bangert kündigte an, dass sich Kämpers Vortrag ganz besonders mit dem Sprachgebrauch der AfD in deren Grundsatzprogramm beschäftige und erinnerte an deren Geschichte. 

Sie sei als Anti-Euro-Partei gegründet worden und sei heute vor allem eine Anti-Flüchtlingspartei mit deutlichen Überschneidungen in das rechte Milieu. Ihre Ideologie fuße auf schlechter Stimmung und Zwietracht und münde in eine Verrohung der Sprache und leider immer wieder auch tätliche Gewalt. Bangert rief dazu auf, es klar zu benennen, wenn Rechtspopulisten Nazibegriffe wie "Volksverräter, Umvolkung oder Lügenpresse" verwendeten. Er sah den entscheidenden Unterschied zwischen Rechtspopulisten und Demokraten, dass die einen die Katastrophe beschwörten und die anderen versuchten, diese abzuwenden. Man müsse imer wieder deutlich machen, dass die Rechtspopulisten keine tragfähigen Lösungen für die drängenden Fragen in einer sich aktuell dynamisch verändernden Welt hätten. Bangert erinnerte an die zahlreichen Aktivitäten seines Ortsvereins im Einsatz gegen rechts, zuletzt habe man sich vor zwei Jahren an gleicher Stelle mit Strategien gegen rechts auseinandergesetzt.  Sprache und Sprachgebrauch der Rechtspopulisten würden diese als "Wölfe im Schafspelz" oder auch als "Biedermänner und Brandstifter" entlarven, leitete er auf die Referentin über.
 
Heidrun Kämper führte aus, dass im AfD-Programm mit widersprüchlich erscheinenden Aussagen der Eindruck von Differenziertheit, gerechtem Urteil und sorgfältiger Abwägung erzeugt werden solle. Sie spürte insbesondere den Fragen nach, wie sich sprachlich die Kennzeichen der Neuen Rechten als populistisch, zum Teil auch rassistisch und nationalistisch nachweisen lassen und stellte dazu historische Parallelen auf Wortebene und Ebene der Denkmuster zur Zeit der Weimarer Republik mit Aussagen der DVP und der NSDAP dar. Das Menschenbild sei geprägt von der Unterscheidung in Inklusion und Exklusion - dem Eigenen und dem Fremden unter den Leitworten "deutsch", "unser  oder "Volk". Als "Partei des gesunden Menschenverstandes" setze man auf die Botschaft, dass man eine von hohem, realitätsbezogenen Urteilsvermögen gekennzeichnete Partei, gleichzeitig aber wissenschafts- und expertenkritisch sei. Gerne stelle man sich als Partei der sozialen Marktwirtschaft dar, die die Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik fortsetze, die Konrad Adenauer und Ludwig Erhard begründet und Prosperität und Fortschritt erbracht haben. In Zeiten der Globalisierung wolle man die Partei der wirtschaftlichen und sozialen Sicherheit sowie der Verlässlichkeits sein. Diese Strategie sei der Versuch, breite Zustimmungsbereitschaft zu erzeugen.
 
Symptomatisch seien weiter Elitefeindlichkeit und Parteienkritik mit Leitwörtern wie "Parteibuchwirtschaft", "Ämterpatronage", "politische Klasse", "Vetternwirtschaft", "Filz", "korruptionsfördernde Stukturen" oder "verwerflicher Lobbyismus". Die rechtspopulistische Politikkritik stehe in der Tradition der Parlamentsverachtung und Ressentiments gegen das Repräsentativsystem und werde denunzierend, anklagend und unterstellend vorgetragen. Typische Sprachhandlungen seien Behauptungen, Verleumdungen und Unterstellungen, was sie mit Feststellungen von Fulst-Blei aus Landtagsdebatten belegte. Auf die Menschenbilder eingehend, führte Kämper aus, dass diese durch Sprache entstünden. Klassifizierungen von Menschen im politischen Kontext seien immer auch wertend im Sinne der Ungleichwertigkkeit. "Inklusion und Exklusion sind Effekte von Werturteilen über Menschen und Kennzeichen von Rassismus und Nationalismus", so Kämper. Man schließe bestimmte Personengruppen in die Gemeinschaft ein und andere aus, weil wir diese nicht haben wollten. Zur Aufwertung des Begriffes "deutsch" nutzte sie einen Vergleich der Programme von AfD und NSDAP. "Die deutsche Staatsangehörigkeit (ist) untrennbar mit unserer Kultur und Sprache verbunden" heißt es bei der AfD und klingt bei der NSDAP wie folgt: " Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist". Die AfD bekenne sich zur deutschen Leitkultur und nutze "deutsch" als Legitimationsvokabel, die nicht nur eine Herkunft bezeichne, sondern eine Eigenschaft bewerte, die es unbedingt zu erhalten gelte. Auch der Begriff "unser" habe eine Diskriminierungsfunktion, der eine Gemeinschaft stifte, eine Zugehörigkeit benenne und damit alles ausgrenze, von dem man erkläre,dass es dieser Gemeinschaft nicht entspreche. So würden alle als "nicht-deutsch" erklärte Personengruppen mit den Eigenschaften "un- bzw. schlecht gebildet", "Sozialhilfeempfänger", "kriminell" oder "kinderreich" versehen.
 
Ein weiteres Ziel sei der Geschichtsrevisionismus, der die Erinnerungskultur bezüglich der Zeit des Nationalsozialismus gerne aufbreche. Hier erinnerte Kämper an die "Vogelschissaussage" des Parteivorsitzenden Gauland und führte Landtagsanträge der AfD an, die unter anderem die Aufhebung der Mittel für die Gedenkstätte in Gurs und die Abschaffung der Landeszentrale für politische Bildung  zum Inhalt hatten. Zusammenfassend sah sie im Rechtspopulismus eine Gefährdung der Demokratie durch Skandalisieren, Emotionalisieren und dem Schüren von Ängsten und Ressentiments. Kämper unterstrich die Bedeutung des Artikels 1 unseres Grundgesetzes "die Würde des Menschen ist unantastbar". Er lege eine Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus tabuisierende Haltung fest, die gesellschaftlicher Konsens sei. "Dieser Konsens wird aber von den Rechten aufgekündigt" so die Referentin, die es als große Ziele formulierte, bei der sprachkritischen Bewertung aufzuklären, indem man den historischen Kontext herstellt, rechte Leitwörter und deren Bedeutung erkennt und Denkmuster und Leitideen ableitet. "Gerade dieses ist mir an diesem Abend sehr bewusst geworden. Ich werde Texte künftig anders lesen", führte die Ortsvereinsvorsitzende Vanessa Bausch nach einer sehr regen und intensiven Diskussion ihre Eindrücke zusammen.
 

 
 

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