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SPD Laudenbach: Gedenken an die Entspannungspolitik und ihre Repräsentanten Brandt und Bahr

Veröffentlicht am 07.06.2022 in Ortsverein

Beeindruckende Veranstaltung mit Adelheid Bahr und Peter Brandt bei der SPD Laudenbach

Die freundschaftlichen Beziehungen von Hans-Jürgen und Ingrid Moser zu Professorin Adelheid Bahr legten die Basis für eine Veranstaltung, die die Witwe des Architekten der Entspannungspolitik Egon Bahr wie auch den ältesten Sohn des damaligen Bundeskanzlers, Professor Peter Brandt tief beeindruckten. Dies wurde nicht nur bei der Veranstaltung selbst deutlich, sondern auch bei den vielen Gesprächen am Pfingstwochenende, das Peter Brandt mit seiner Ehefrau Susanne an der Bergstraße verbrachte und dabei neben Laudenbach auch Heidelberg, Heppenheim und Schwetzingen erkundete.

Der für die Veranstaltung verantwortliche Sprecher der SPD-Arbeitsgemeinschaft 60plus, Herbert Bangert,  begrüßte die zahlreich im Georg-Bickel-Haus erschienenen Gäste, unter ihnen auch der Landtagsabgeordnete Sebastian Cuny, die ehemaligen Abgeordneten Professor Gert Weisskirchen und Hans Georg Junginger, Bürgermeister Benjamin Köpfle mit einigen Gemeinderäten und Vertreter des Kreisvorstandes. Bangert erinnerte, dass sein Ortsverein bereits vielfach die Leistungen Willy Brandts bei Veranstaltungen und Reisen gewürdigt habe. Der 100. Geburtstag Egon Bahrs, den dieser am 18. März hätte feiern können, rücke ihn bei dieser Veranstaltung in den Mittelpunkt. Bahr habe sich mit diplomatischem Geschick, analytischer und strategischer Brillanz, konzeptionellem Denken, pragmatischem Vorgehen und ausgeprägtem politischen Gespür bei den Verhandlungen der Ostverträge große und bleibende Verdienste erworben. Er habe mit Brandt 1963 bei ihren Auftritten bei der evangelischen Akademie Tutzing den Begriff des "Wandels durch Annäherung" formuliert und 1965/66 ein damals nicht veröffentlichtes Buchmanuskript "Was nun" erstellt, in dem er ein Stufenmodell zur Wiedervereinigung beschrieb, das er selbst als "positive politische Utopie" charakterisierte. Dieses Buch habe Peter Brandt auf Anregung von Adelheid Bahr 2019 veröffentlicht.

Nach Beginn der Kanzlerschaft Brandts 1969 seien die folgenden drei Jahre in besonderer Weise von Verhandlungen mit den östlichen Nachbarn geprägt gewesen. So sei am 12. August 1970 der Moskauer Vertrag, am 7. Dezember 1970 der Warschauer Vertrag, am 3. September 1971 das Viermächteabkommen über Berlin und am 21. Dezember 1972 der Grundlagenvertrag mit der Deutschen Demokratischen Republik geschlossen worden. Bangert erinnerte weiter an die Verleihung des Friedensnobelpreises an Willy Brandt, das gescheiterte Misstrauensvotum vor 50 Jahren und die vorgezogene Bundestagswahl 1972, die letztlich ein Plebiszit über die Ostpolitik und ihre herausragenden Repräsentanten gewesen sei und der SPD mit 45,8 Prozent einen herausragenden Sieg brachte. Unabhängig von der aktuellen Diskussion um die Russlandpolitik der jüngeren Vergangenheit bleibe es unbestritten, dass die Ost- und Entspannungspolitik Brandts und Bahrs eine historische, diplomatische Meisterleistung gewesen sei, die letztlich den Fall der Mauer und die deutsche Wiedervereinigung erst möglich machten. Mit Blick auf den Krieg in der Ukraine zitierte Bangert Brandt mit dessen Aussage "Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts".

Im Film "Der Geheimdiplomat Egon Bahr" wurde dessen Biografie vom Journalisten zum Politiker vor Augen geführt und dargestellt, dass er seine Aufgaben gleichermaßen als Taktiker und Pragmatiker wie als Visionär anging und ihn bei dem großen Ziel einer Wiedererlangung der deutschen Einheit auch Vorwürfe wie "Vaterlandsverrat" nicht aus der Bahn warfen. Im Mittelpunkt des Films standen dessen Verhandlungen im Vorfeld des Moskauer Vertrags, bei denen er auch von Henry Kissinger aufgezeigte nichtoffizielle Kanäle nutzen konnte, sowie des Grundlagenvertrags zur DDR. Bahr selbst bezeichnete die zwei Jahre zwischen 1970 und 1972 als "Rausch von Verhandlungen und Leben unter Dauerstrom". Mit dem Fall der Mauer sahen Bahr und Brandt ihren Weg vom "Wandel durch Annäherung" verwirklicht und die Erfüllung dessen, für was sie gearbeitet hatten. In den Film eingestreut wurden immer wieder erläuternde O-Töne von Bahr selbst sowie des ehemaligen Moskau-Korrespondenten Fritz Pleitgen und des Beraters des späteren Bundeskanzlers Helmut Kohl, Horst Teltschik, die die "offene Geheimpolitik" Bahrs würdigten.

Der emeritierte Geschichtsprofessor der Fernuniversität Hagen, Professor Peter Brandt, machte seinen Vortrag aufgrund der bereits erfolgten Informationen in Wort und Bild zum Schnelldurchlauf durch die Geschichte der Entspannungspolitik. Sie sei der konzeptionelle Weg zum Frieden gewesen, der Anfang der 60er Jahre durch die Ereignisse Mauerbau und Kubakrise akut gefährdet gewesen sei. Beide Ereignisse bargen die Gefahr eines mit Atomwaffen geführten Weltkriegs, wobei sich die beiden Großmächte USA und Sowjetunion im "Gleichgewicht des Schreckens" befanden. Brandt beleuchtete die unterschiedliche Sichtweise des Mauerbaus durch den Berliner Senat, der sich im Schockzustand befand, und der USA, die den Mauerbau gelassen hinnahm mit der Begründung, wer eine Mauer baue, wolle keine militärische Konfrontation. Die Großmächte hätten sich im Anschluss um Vertrauensbildung und Zusammenarbeit bemüht und so habe man 1963 das "rote Telefon" zwischen Washington und Moskau geschaltet. Brandt zeigte den Weg vom formulierten Ziel des "Wandels durch Annäherung" zu den Verträgen mit der Sowjetunion, Polen und der DDR, die letztlich Gewaltverzichtsverträge gewesen seien, auf. Diese Ostverträge seien Wegbereiter für die Schlussakte von Helsinki 1975 gewesen, bei der 35 Staaten der "Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa" (KSZE) souveräne Gleichheit, Gewaltverzicht, die Unverletzbarkeit der Grenzen und territoriale Integrität vereinbarten und damit einen wichtigen Beitrag zur Vertrauensbildung  zwischen den beiden Blöcken leisteten. Mit dem NATO-Doppelbeschluss 1979 habe die NATO die Aufstellung neuer mit Atomsprengkörpern bestückten Mittelstreckenraketen angekündigt und bilaterale Verhandlungen der Supermächte über die Begrenzung der jeweiligen atomaren Mittelstreckenraketen verlangt. Nach Scheitern der Genfer Verhandlungen hätten mehrere Staaten, anders als die Bundesrepublik, die Aufstellung neuer Atomwaffen abgelehnt. Mit Michail Gorbatschow seien dann Abrüstungsverhandlungen möglich geworden und so hätten die beiden Großmächte 1987 im INF-Vertrag den Rückzug, die Vernichtung und ein Produktionsverbot von atomaren Flugkörpern vereinbart.

Auf die aktuelle Situation in der Ukraine eingehend stellte Brandt zunächst fest, dass das Minsker Abkommen, das die Auseinandersetzung im Donezbecken und die politische Lösung des Konfliktes zum Inhalt habe, letztlich nicht umgesetzt worden sei. Der übereilte Abzug der Truppen aus Afghanistan und die erstarkte Freundschaft mit China hätten Putin zusätzlich ermutigt, den völkerrechtswidrigen Krieg mit dem Ziel zu beginnen, sein Herrschaftsgebiet zu erweitern. Die Ukraine führe einen Verteidigungskrieg auch in Vertretung des Westens und der USA. Bundeskanzler Olaf Scholz handle sehr besonnen und dessen Verhalten werde vielleicht in einem halben Jahr nicht mehr als Zaudern kritisiert, sondern als erfolgreiche Politik gewürdigt, so Brandt abschließend. Professorin Adelheid Bahr richtete eine Dankadresse an die Veranstalter.  Die Gedenkstunde habe sie "tief beeindruckt", so Bahr, ehe die Ortsvereinsvorsitzende Vanessa Bausch in ihr die Beleuchtung eines wichtigen Teils deutscher Geschichte sah und die Gäste mit einem Weinpräsent und Blumen bedachte. Die Veranstaltung wurde glänzend umrahmt vom Pfälzer Liedermacher Uli Valnion, der zunächst das Lieblingslied von Willy und Peter Brandt "Wilde Gesellen" intonierte, weiter die "Freiheit" und den "8. Mai" besang und abschließend bei "Die Gedanken sind frei" und "We shall overcome" kräftig zum Mitsingen animierte.   hb